Erik Neutsch war in der DDR einer der beliebtesten Schriftsteller. Sein Roman "Spur der Steine" war ein Riesenerfolg, die Verfilmung wurde allerdings gleich nach der Erstaufführung verboten. Um die Veröffentlichung einiger seiner weiteren Bücher (Auf der Suche nach Gatt, Der Friede im Osten...) mußte er lange kämpfen. In keinem seiner Bücher sind Zweifel am Sozialismus oder der DDR zu erkennen, allerdings behandelt er oft Schwächen im System und an den Funktionären, die von den Betroffenen oft als Stärken gesehen wurden: Geschlossenheit und Linientreue als Selbstzweck, ohne Rücksicht auf besondere Umstände und die konkreten Auswirkungen auf Menschen. Seine Differenzen mit der Staatsführung kämpfte er immer aus, nie ging er den leichteren und lukrativeren Weg einer Veröffentlichung im Westen.
Der Verlust der DDR hat Erik Neutsch tief getroffen. Einige Jahre nach diesem Verlust starb seine Frau, mit der er fast 50 Jahre zusammen war, an Krebs. Beide Verluste hat er in der Erzählung "Verdämmerung" verarbeitet. Am Anfang wirkt der Text etwas kitschig: Ein junges Paar, das sich gegenseitig Teddy und Ricke nennt, er aus einer Arbeiterfamilie, sie aus bürgerlichem Haus, muß sich durchsetzen. Das erste Unbehagen am Thema ist aber bald vorbei. Fünf Tage des endgültigen Abschieds werden verwoben mit Erinnerungen, persönlichen und gesellschaftlichen. Nach 110 Seiten weiß man etwas mehr, über die DDR, über den Schriftstellerverband, über Künstler und Intellektuelle in dem untergegangenen Staat.
Wer Erik Neutsch von seinen früheren Werken kennt, sollte sich dieses reife Spätwerk nicht entgehen lassen. Wer ihn noch nicht oder nur von dem inzwischen oft gezeigten Film "Spur der Steine" kennt, wird durch die Lektüre vielleicht neugierig auf die früheren Bücher.
Gernot Linhart