"Bereitet euch darauf vor, zu regieren! Denn genau das ist die Idee der Demokratie, es ist das Volk, das regiert!" - das sagte der Päsident Venezuelas, Hugo Chávez, am Tag seiner Amtseinführung.
So ein Verständnis von Demokratie ist unter Politikern selten - im allgemeinen verstehen Gewählte die Demokratie so, daß das Volk zwar wählen darf, Abgeordnete und Regierung dann aber machen können, was sie wollen. Folgerichtig reagiert C.Powell, Außenminister der USA, sofort mit der Antwort: "Dieses Verständnis von Demokratie macht uns Sorgen."
Ein Präsident in Lateinamerika, der nicht nur im Interesse des Volkes regieren will, sondern es sogar in den Prozeß der Machtausübung einbindet - das ist für die USA eine starke Herausforderung. Im Land selbst hat der mächtige Nachbar im Norden alte Verbündete: die bis dahin herrschende Klasse. Sie besitzt fast alle Massenmedien, beherrscht den Handel und die Industrie und verfügte bis vor kurzem auch über die verstaatlichte Ölindustrie. Sie will ihre Macht und ihre Privilegien nicht kampflos aufgeben. Deswegen tobt seit dem Regierungsantritt von Hugo Chávez ein Machtkampf in Venezuela, mit Streiks (die eher Aussperrungen sind), Demonstrationen, Putschversuchen und Referenden mit gefälschten Unterschriften... André Scheer hat das Land mehrfach bereist und berichtet engagiert über diesen Kampf um Venezuela. Die Vorgeschichte des revolutionären Prozesses und die einzelnen Phasen des Kampfes werden geschildert. Der Autor zeigt, was das Volk durch diesen Prozess gewonnen hat und noch gewinnen kann. Als Leser versteht man schnell, warum viele so erbittert um diese Chance für die Zukunft kämpfen.
In unseren Massenmedien wird vorwiegend die Sicht der Oberschicht in Venezuela verbreitet. Für jeden, der besser informiert sein will, ist das Buch eine wichtige Lektüre.
Gernot Linhart