Seiltänze

Beiträge zur Idee, Geschichte und Praxis der "Alternativen Bewegung" am Beispiel Gießens*)

Im ersten der insgesamt acht Beiträge (G. Klug) wird die Geschichte der sich öfter wandelnden Stadtzeitung "Elephantenklo" (1977 - 1987) spannend dargestellt. Sowohl Berichte persönlich Betroffener als auch Nachrichten aus der Region oder Informationen sich überregional bildender Widerstandsformen fanden ihren Platz. Doch die Redaktion wollte "nicht nur Vermittler von Nachrichten, sondern als Gruppe auch selbst politisch aktiv sein". Und so wurde das E-Klo Mitgestalter, ob beim "Flutgraben" oder Jugendzentrum.

Im Bericht über den Abriß des Hauses Flutgraben 4 (R. Kah/G. Klug) - betitelt "...Sommerlads Gangsterstück" - wird letztendlich die Ohnmacht der Hausbewohner gegenüber Spekulanten vermittelt. Dennoch hatten Protestaktionen ihre Wirkung und zeigten das Zusammenspiel von Sommerlad, dem Krofdorfer Bauunternehmer Schleenbecker, der "unabhängigen Presse" und den Gießener Politikern. Erinnert wird abschließend an die Pläne wie "Tiefgarage und Hotel" Brandplatz und der durchgeführten Sache Parkhaus Westanlage.

Reimer Hamanns Beitrag über die "Grünen" ist zwar interessant, neutralisiert sich insofern selbst, als er aufzeigt, wie aus einer "alternativ-basisdemokratischen" Bewegung eine ins System integrierte Partei geworden ist. Der Anspruch der Grünen, ihre Wurzeln in sozialen und anderen alternativen Bewegungen zu haben, wurde schon aufgegeben, als es solche noch gab. Daß mittlerweile sich beinahe nichts mehr bewegt, ist nicht einfach den Grünen anzulasten.

Kah zeichnet in "Psychiatrie und Psychiatriereform in Gießen" Fortschritte in (sozial-) psychiatrischen Ansichtsweisen auf. Wurden früher psychisch Kranke diskriminiert (und in der Nazi-Zeit als unwertes Leben vernichtet), so wurde zur Durchsetzung einer neuen Sichtweise auch in Gießen viel geleistet. Kah nennt die über die Grenzen der Stadt hinaus bedeutende Arbeit an der Psychosomatischen Uni-Klinik mit ihrem Direktor Horst-Eberhard Richter. Hier "wurden in der Forschung und theoretischen Einstellung ausgetretene Pfade verlassen" (S. 143). H.E. Richter, der sich vom Soldat zum unerbittlichen Friedenskämpfer und Mitglied der Ärzteorganisation IPPNW entwickelte, leistet dann selbst noch einen interessanten Beitrag in "Wanderer zwischen den Fronten". Und er läßt sich nicht kaufen wie die ehemaligen Friedensmarschierer und Pazifisten J. Fischer oder R. Scharping. Richter verurteilt "die neue Auschwitz-Lüge" (S. 243) und nennt den "völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Jugoslawien einen furchtbaren Rückfall in... militärisches Denken". Ihm gebührt die Ehre mit der IPPNW von Kohl und Konsorten verunglimpft worden zu sein.

Spannend sind auch die Beiträge von H. Köppen über die Volkszählung und den z.T. originellen Widerstand sowie der Beitrag von R. Kah über den KBW. Kah sieht den KBW als dogmatischen Teil der Bewegung und berichtet trotz genüßlich vorgetragener Zitate sachlich über den vor 20 Jahren aufgelösten Bund.

H.-J. Wirth ist ebenfalls einer, der nicht aus dem Elfenbeinturm berichtet, sondern als Beteiligter und Aktivist der Friedensbewegung. Es fehlen als Hintergrund die Ostermarschbewegungen und andere Friedensaktionen für die Ostverträge und Abrüstung. Anders als Richter akzeptiert Wirth die Auschwitz-Behauptung Außenminister Fischers und damit den Nato-Krieg gegen Jugoslawien (S. 215). Die sozialpsychologische Sicht scheint mir in diesem Beitrag an manchen Stellen die Analyse (oder wenigstens den Versuch) zu behindern. Und wer deprimiert feststellt, daß es von all diesen schönen linken Sachen bis auf die Autoren oder einigen Weggefährten nichts mehr gibt, der liest auf Seite 15: " Das 'Gießener Echo' lokale Zeitung der DKP, kommentiert das aktuelle Zeitgeschehen auch auf kommunaler Ebene nun schon seit vielen Jahren eher spärlich und mit Blick durch die Parteibrille, stellt allerdings mittlerweile die einzige linke Stimme in Gießen dar." (Nicht viel, aber etwas! Der Säzzer)

Alles in allem: Ein lesenswertes Buch, in dem selbstverständlich längst nicht das ganze Spektrum linker Bewegung in Gießen beleuchtet wird, in dem sich aber jeder Mensch in einem gewissen Alter wiederfindet - und sei es als Zuschauer im Flutgraben.

Michael Beltz

*)Hrsg.Rainer Kah, Psychosozial-Verlag Gießen, 270 S., 39,90 DM, erhältlich im Buchhandel und bei der Büchergilde Gutenberg, Wetzsteinstr.

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