Das Imperium der Schande

So nennt der schweizerische Soziologe und Politiker Jean Ziegler sein soeben erschienenes Buch über den globalen Kapitalismus von heute. Der Autor ist seit 2001 Sonderberichterstatter der UNO-Menschenrechtskommission für das Recht auf Nahrung. Fast 30 Jahre lang war er Nationalratsabgeordneter der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Das hautnahe Erleben des Elends in der Dritten Welt ließ ihn den Schwur tun, niemals auf der Seite der Henker zu stehen. Er berichtet, wie er am Rande der brasilianischen Hauptstadt Brasilia die städtische Mülldeponie besichtigt. Pyramiden von Unrat wachsen hier gen Himmel. Der Zugang zur Deponie wird von Militärpolizisten mit Maschinenpistolen bewacht. Männer und Jugendliche klettern auf der Pyramide herum. Ratten, so dick wie Katzen, laufen zwischen den nackten Beinen der Halbwüchsigen herum. Viele Jugendliche sind spindeldürr und zahnlos. Sie sortieren mit bloßen Händen den Abfall. Angeblich werden mit dem verfaulenden Gemüse und Fleisch Schweine gefüttert. Für glaubhaft hält der Autor das nicht. Die Menschen hier hungern und das ganze Elendsviertel lebt von der Müllkippe. Alle sind sie Opfer der Großgrundbesitzer und der Lebensmittelkonzerne, die den fruchtbaren Boden in Monopolbesitz haben.

Der Sozialist Ziegler ist geistig in der Aufklärung mit ihrer Verkündung der Menschenrechte verwurzelt und er versteht, im heutigen Bürgertum extrem selten, diese nicht als Gewalt legitimierende Feiertagsphrase. Wie die Linken in der Französischen Revolution von 1789 fordert er vor allem soziale und wirtschaftliche Menschenrechte. Diese Forderungen, die damals Utopie waren, könnten heute verwirklicht werden. Der Welternährungsbericht der UNO gibt an, dass die Armut in den Ländern der Dritten Welt ständig zunimmt. Zugleich weiß er, dass die Weltwirtschaft bei der heutigen Höhe der Produktivkraftentwicklung 12 Mrd. Menschen, also das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung, ernähren könnte. Die 500 größten transkontinentalen Konzerne kontrollieren 52 Prozent den Weltsozialprodukts. Ihre einzige Handlungsmaxime ist die Profitmaximierung. Ihre Profitgier ist grenzenlos, konstatiert Ziegler. Ihr Wirtschaftskrieg unter sich und gegen die Völker ist permanent. Um die Rentabilität des Kapitals zu garantieren, haben sich diese Weltkonzerne dauerhafte Organisationen geschaffen, mächtiger als die UNO: Welthandelsorganisation, Europäische Union, Internationaler Währungsfonds. Es sind diese Organisationen, welche die Länder der Dritten Welt in eine Verschuldung getrieben haben, die es ihnen unmöglich macht, die Schulden zu bedienen und gleichzeitig soziale Programme zur Linderung von Hunger und Elend durchzuführen. So wird auch das UNO-Programm zur Halbierung der extremen Armut bis zum Jahr 2015 scheitern.

Ziegler setzt große, ich denke zu große, Erwartungen in das Reformprogramm des brasilianischen Präsidenten Lula. Auch Ziegler sieht, dass Präsident Lula scheitern wird, wenn er den Hunger bekämpfen und zugleich die gewaltigen brasilianischen Auslandsschulden von 242 Milliarden US-Dollar zurückzahlen will. Auch dem sozial engagierten Leser, der nicht den moralischen Ansatz des Autors und seine Hoffnung auf die "Lichtgestalten" einzelner menschlicher Arbeiterführer teilt, ist das Buch uneingeschränkt empfohlen. Im Genfer Büro Zieglers hängt das Foto von Bert Brecht, der ein Buch liest. Das Bild ist untertitelt: "Bert Brecht - bewaffnet". So will der Autor sein Buch verstanden wissen. So sollten wir es lesen.

Klaus Mewes

Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung. C. Bertelsmann Verlag, München 2005. 316 Seiten. 19,90 Euro.

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