Buchbesprechung: Psychiatrie in Gießen

Das Buch wurde erarbeitet und herausgegeben von Medizinern und Historikern. Finanziell wurde das Projekt unterstützt u. a. von der VVN-Bund der Antifaschisten Gießen. Zunächst ist das Werk interessant für denjenigen, der sich über die Entwicklung der Psychiatrischen Universitätsklinik (Am Steg) und der Heil- und Pflegeanstalt (Licher Straße) informieren möchte. Das Buch schlägt den Bogen von den Anfängen um 1900 bis zu den heutigen Anstrengungen, eine gemeindenahe Psychiatrie (etwa psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen, Tages- und Nachtkliniken) zum Wohl der Kranken zu schaffen. Solche humanen Ansätze sind immer wieder gefährdet, heute vor allem durch die Umverteilung der Mittel zu Lasten der sozial Schwächsten, zu denen die psychisch Kranken zählen. 1972 waren Anstöße zur Psychiatriereform vom berühmten Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektiv ausgegangen, das versuchte, das Eingebettetsein von Geisteskrankheit in den Kapitalismus aufzuzeigen. Die Situation des Giessener Psychiatrischen Krankenhauses war 1973 vom Stern-Reporter Benno Kroll, der als Lernpfleger am PKH recherchiert hatte, in seinem Artikel "Als Pfleger in der Schlangengrube" an den Pranger gestellt worden. Schließlich legte die Bundesregierung 1975 den Bericht zur Psychiatrie-Enquête vor, der Forderungen zugunsten der Kranken stellte, die den Namen "Reform" als vorwärtsweisende Änderung noch verdienten. Bis heute ist davon Wesentliches nicht erfüllt.

Dann wird das Buch auch denjenigen interessieren, der sich die allgemeine geschichtliche Entwicklung seit 1900 an einem markanten Beispiel, hier an dem der Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen, anschaulich machen möchte. Es sollen hier nur zwei Entwicklungen beispielhaft genannt werden. Gerade heute, 90 Jahre nach Beginn des ersten Weltkrieges, wird die Kontinuität oder Diskontinuität der Entwicklung vom ersten zum zweiten Weltkrieg wieder diskutiert. Das Beispiel der Behandlung psychisch Kranker zeigt, dass die Kontinuität das bei weitem herrschende Moment ist. Weitgehend identifizierte sich die deutsche Ärzteschaft mit dem Kaiserreich und seiner aggressiven Expansionspolitik wie später mit dem NS-Staat und seinem Vernichtungskrieg. Schon im ersten Weltkrieg setzte die Brutalisierung der Psychiatrie ein. Neurotisch erkrankte Soldaten, sogenannte Kriegszitterer, wurden starkem Wechselstrom ausgesetzt, um sie wieder kriegswillig zu machen. Es kam bei der elektrischen Behandlung zu Todesfällen, so dass schließlich sogar die Oberste Heeresleitung eingriff und die Mediziner in ihrer Besessenheit, mit Gewalt zu "heilen", bremsen mußte. Ab 1917 setzte in der deutschen Psychiatrie ein Hungersterben ein, dem etwa so viele Menschen zum Opfer fielen wie Hitlers Aktion der Ermordung Geisteskranker.

    Im "Spiegel" vom 17.5. klagt Ministerpräsident Stoiber: "Wir haben viel zu hohe Standards im Kinder- und Jugendhilferecht. Die Ausgaben sind in zehn Jahren von 14 auf 20 Milliarden Euro gestiegen. Vor allem bei der seelischen Behinderung, die mit der geistigen und körperlichen gleichgestellt worden ist, gibt es Missbräuche."

Was Ärzte im ersten Weltkrieg billigend in Kauf genommen hatten, wurde von den Nazis von Anfang an geplant und mit letzter brutaler Konsequenz durchgeführt. In der Weimarer Zeit gab es hoffnungsvolle Reformansätze, etwa zur offenen Fürsorge und aktiven Beschäftigung der Kranken. Diese Reformen wurden schon vor Regierungsantritt der Braunen beim wirtschaftlichen Niedergang am Ende der Weimarer Republik zurückgefahren oder in ihr Gegenteil verkehrt. Aus der offenen Fürsorge wurde die totale Überwachung der "Asozialen", aus der Beschäftigungstherapie die Zwangsarbeit. Es wurden nicht mehr die Krankheiten bekämpft, sondern die Kranken.

Klaus Mewes

U.George,H.Groß, M.Putzke, I.Samland, C.Vanja (Hg.): Psychiatrie in Gießen. Facetten ihrer Geschichte zwischen Fürsorge und Ausgrenzung, Forschung und Heilung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003. 606 Seiten. 29,90 Euro

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