Ostspione oder Verräter wurden sie in der BRD genannt, sie selber empfanden sich als Kundschafter für den Frieden, und auch bei ihren Auftraggebern in der DDR wurden sie so genannt. Nach dem Anschluß der DDR an die BRD wurden sie unnachsichtlich verfolgt.
Im Gegensatz dazu wurden Agenten der BRD in der DDR, die dort gefaßt und verurteilt worden waren, noch von der letzten DDR-Regierung freigelassen und von der Bundesregierung großzügig entschädigt. Nicht Gefaßte bekamen wahrscheinlich eine ebenso großzügige Abfindung, weil ihr Job nicht mehr gebraucht wurde oder eine neue Aufgabe.
30 dieser Kundschafter im Westen haben jetzt Beiträge für ein Buch geliefert, viele von ihnen berichten in Veranstaltungen über ihre Arbeit und darüber, wie es ihnen nach ihrer Verhaftung erging.
Erstaunlich ist die Vielfalt der Lebenswege und Beweggründe dieser Kundschafter. Manche wurden direkt aus der DDR in den Westen entsandt, als Flüchtlinge oder mit der falschen Identität ehemaliger Bundesbürger. Manche wurden im Westen angeworben, andere suchten von sich aus den Kontakt zur DDR. Einige davon hatten bei ihrer Berufstätigkeit in der Bundeswehr, bei Sicherheitsdiensten oder in der Rüstungsindustrie Erfahrungen gemacht, die ihnen sehr gefährlich für den Frieden erschienen. Sie hielten es für besser, wenn der "Gegner" darüber Bescheid weiß und sich gegen Gefahren wappnen konnte. Andere waren BRD-Linke, Mitglieder oder Sympathisanten von SDAJ oder DKP. Irgendwann wurden sie davon überzeugt, daß in ihrem speziellen Fall eine andere Tätigkeit effektiver ist. Sie zogen sich aus den linken Bewegungen der BRD zurück und nützten der DDR mit wertvollen Informationen, mußten allerdings damit leben, von ihren ehemaligen Genossen als Verräter angesehen zu werden. So ging es zum Beispiel Dieter Feuerstein, der nach kurzer Mitgliedschaft in der SDAJ von seinem Vater überzeugt wurde, daß es wichtiger wäre, seinem Beispiel zu folgen und Kundschafter für die DDR zu werden. Dieter Popp dagegen suchte und fand schon vor engeren Kontakten zu linken Gruppen in der BRD die Verbindung zur Hauptverwaltung Aufklärung der DDR - er wurde ein wichtiger Mann zur Informationsbeschaffung aus Bundeswehr und Verteidigungsministerium.
Heinz Stuckmann wurde als bundesdeutscher Journalist durch seine Erfahrungen mit DDR-Journalisten davon überzeugt, daß es wichtig ist, der DDR Informationen aus der BRD zu liefern und auch andere Journalisten entsprechend zu beeinflussen. Das sind drei Beispiele von dreißig. Die meisten der Autoren wurden erst nach dem Ende der DDR enttarnt, daneben enthält das lesenswerte Buch auch einige ältere Beiträge, so auch einen vom bekannten Günter Guillaume.
Für keinen der Autoren dieses Bandes haben materielle Vorteile eine Rolle gespielt. Fast alle wurden nach ihrer Enttarnung hart bestraft, manche haben Jahre im Gefägnis verbracht. Hohe Geldstrafen, die Verfahrenskosten und Streichung von Renten- und Pensionsansprüchen kamen als zusätzliche Strafe dazu, fast alle leben jetzt von einem Einkommen auf Sozialhilfe-Niveau. Trotzdem hat kaum einer von ihnen aufgeben oder sich verbittert zurückgezogen. Mit ihrem Buch und mit dem Auftritt bei Veranstaltungen setzen sie ihre Arbeit mit anderen Mitteln fort.
Gernot Linhart