Der Lokalhistoriker Jörg-Peter Jatho hat ein Buch über den NS-Kulturfunktionär Dr. Otto Henning vorgelegt. Dieser wirkte seit seiner Schulzeit am Landgraf-Ludwig-Gymnasium in der Gießener Kulturszene, bis er 1929 in Berlin die Leitung der Gesellschaft für Volksbildung übernahm, die in der NS-Zeit der Reichsschrifttumskammer des Dr. Goebbels unterstand. Auch während der Berliner Zeit bleibt Henning maßgeblich an der Führung des Gießener Goethe-Bundes beteiligt, den er bereits kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges mit weiteren Gymnasiasten gegründet hatte. Da ihm, wie er selbst sagt, als 15jährigem die Kriegesteilnahme versagt war, übte er sich ehrenamtlich in kultureller Truppenbetreuung. Seine Karriere verlief exemplarisch für einen Angehörigen des Gießener akademischen Bürgertums: studentische Verbindung "Adelphia", von Professor Otto Eger geförderter Kultur-Referent des ASTA, Beteiligung an den damaligen kriegsbegeisterten Feiern zu Ehren der im Weltkrieg Gefallenen, Studienabschluß als Dr. jur., Note "genügend". In Berlin organisierte er die Vortragstätigkeit der Gesellschaft für Volksbildung, die sich schon vor 1933 u. a. "die Grenzlandarbeit im Osten und Westen" auf die Fahnen geschrieben hatte. Er betont, wie schwierig sich die kulturelle Arbeit in der Not-Zeit der Weltwirtschaftskrise gestaltete. Um so freudiger begrüßt Henning, wie die meisten Vertreter seiner Klasse, "den staats - und kulturpolitischen Aufbruch" Deutschlands in der NS-Zeit. Entsprechend der politischen Konjunktur tritt er am 1. April 1933, dem Tag des widerlichen Boykotts jüdischer Geschäfte, in die Nazi-Partei ein. Während das Vortragsprogramm des Gießener Goethe- Bundes in der Weimarer Zeit auch Namen wie Heinrich Mann ("Der Untertan") oder Arnold Zweig ("Erziehung vor Verdun") enthielt, treten jetzt neben einigen harmlosen Vortragskünstlern die Propagandisten von Militarismus, Rassismus und imperialistischem Krieg auf: Werner Beumelburg, Hans Grimm ("Volk ohne Raum") und als besonders üble Gestalten Edwin Erich Dwinger und Hans Zöberlein. Das bekannte Funktionärsgerangel um die Kulturpolitik der Nazigrößen untereinander bekommt auch Otto Henning zu seinem Leidwesen zu spüren. Goebbels, Rosenberg, auch Dr. Ley von der Deutschen Arbeitsfront geben da sich widersprechende Weisungen, so daß der Kulturfunktionär nicht weiß, welches Verhalten von ihm amtlicherseits erwünscht ist. Das erinnert an die Szene von Bertolt Brechts " Furcht und Elend des Dritten Reiches", wo der Richter bereit ist, so oder auch anders zu entscheiden, nur, um Himmels willen, man soll ihm doch sagen, was von ihm verlangt wird. Mit Kriegsbeginn hilft Otto Henning verstärkt, die Literatur wehrhaft zu machen, er organisiert u.a. Frontdichter-Treffen. 1945 wird er durch sowjetisches Militär verhaftet und in Buchenwald eingeliefert. Zu zehn Jahren Haft verurteilt, wird er bereits 1952 entlassen. Als Programm-Direktor der Urania in West-Berlin läßt er ultrarechte alte Bekannte auftreten wie den Marburger Professor Erich Schwinge, Kommentator des NS-Militärstrafrechts und Verteidiger der Nazi-Generalität, und den Rasseforscher Freiherr von Verschuer. Wie in der Weimarer Zeit zieren nun seine Vortragsliste auch wieder Namen humanistischer Dichter wie Erich Kästner, Heinrich Böll und Max Frisch. Neben der Biographie des Kulturfunktionärs enthält Jathos Buch einen Dokumententeil. Das vorliegende Werk macht gespannt auf das folgende über die Tätigkeit des Giessener Goethe-Bundes vor und nach 1933.
Klaus Mewes