Der Gießener Goethe-Bund

vom Kaiserreich zur NS-Zeit

Nachdem wir im Gießener Echo vor einem Jahr Jörg-Peter Jathos Buch über Dr. Henning besprachen, der in Personalunion das Goebbelssche Vortragsamt und den Goethe-Bund leitete, liegt nun vom gleichen Autor das Werk über den Bund vor. Im Sommer 1914 trafen sich einige Gymnasialschüler aus kleinbürgerlichem Elternhaus in Gießen zur Gründung einer literarisch-musikalischen Vereinigung. Es war der Sommer des Beginns des ersten Weltkrieges und so fanden die Jugendlichen ihren Platz im Rahmen der Aktivitäten des hiesigen Bürgertums zur Beförderung der Kriegsbegeisterung. Vaterländische Abende, Bücherspenden und Weihnachtsgaben für Soldaten, Sammlungen zugunsten der Verwundeten im Lazarett "Steins Garten". Hier sei angemerkt, dass unter Historikern die These von der allgemeinen Kriegsbegeisterung am Beginn des ersten Weltkrieges heute bröckelt. Es gab diesen Rauschzustand bei der städtischen akademischen Jugend - in der Arbeiterschaft, auf dem Lande und bei vielen Frauen herrschten Beklemmung und Niedergeschlagenheit vor. Bekanntlich endete der Krieg aller moralischen Aufrüstung zum Trotz für den deutschen Imperialismus mit einer Niederlage.

Der folgende Katzenjammer sollte nach dem Willen der herrschenden Kreise so überwunden werden, dass nicht Resignation oder gar Revolution die Folge wären sondern der Schrei nach Revanche. Gefallenenehrungen wurden mit allerlei musikalischem und literarischem Brimborium zelebriert, wobei AStA (Allgemeiner Studentenausschuß), kulturelle Vereinigungen, Stadttheater, Buchhändler und Honoratioren zusammenwirkten. Ab 1922 trug die literarische Vereinigung den Namen "Goethe-Bund". Das hatte nichts mit dem genialen Dichter solch rebellischer Werke wie Götz, Prometheus oder Faust zu tun. Goethes Studium im elsässischen Straßburg wurde von den Namensgebern zum Programm der Grenzrevision im Westen missbraucht. Im Übrigen konnte Goethe von den Revisionisten für ihr Revancheprogramm instrumentalisiert werden, nachdem Oswald Spengler in seinem "Untergang des Abendlandes" "das Faustische" zum Programm von deutschem Herrenmenschentum, Antisozialismus, Kolonialismus und Imperialismus erhoben hatte.

1933 verlief der Übergang vom deutschnationalen zum stramm faschistischen Kurs unmerklich - es war ja keine große Wegstrecke zurückzulegen. Während entsprechend der politischen Konjunktur in der Weimarer Zeit auch Pazifisten oder Juden wie Arnold Zweig und Franz Werfel lesen durften, traten nun übelste Nazidichter wie Edwin Erich Dwinger und Hans Zöberlein auf, die das "Heldentum" der deutschen Aggressionstruppen feierten. Es fanden Dichterfahrten ins Kriegsgebiet statt. Zum schrecklichen Ende hin ließ man die "Meister des deutschen Humors" (Eugen Roth, Heinrich Spoerl "Feuerzangenbowle") als Zeugen des "unerschütterlichen Glaubens unseres Volkes an den Endsieg" auftreten. Wie schon im ersten Weltkrieg reichte auch hier aller Humor nicht aus, um die Niederlage des deutschen Imperialismus abzuwenden.

Jathos Buch enthält einen ausführlichen Dokumententeil, Statistiken und Verzeichnisse sowie eine große Anzahl Fotos der Dichter und sonstigen Akteure. Für den lokalhistorisch Interessierten ist es wertvoll. Darüber hinaus zeigt es am lokalen Beispiel exemplarisch die Anpassung des bürgerlichen Kulturbetriebes an die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse vom Kaiserreich zum NS-Staat.

Klaus Mewes

Jörg-Peter Jatho: Der Giessener Goethe-Bund - eine Bestandsaufnahme zum öffentlichen Literaturbetrieb in Weimarer Republik und NS-Zeit. Verlag AG Spurensuche. 289 Seiten, 42 Euro. Vertrieb über den Autor, Roonstr. 21, Gießen.

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