Goldner: "Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs"

Mit großer Detailkenntnis widmet sich der Autor dem Leben und Lügen des Dalai Lama. Er räumt gründlich auf mit den Märchen, die über ihn verbreitet werden. Seine Recherchen zu dem umfangreichen Buch betrieb er u. a. auch in Tibet.

So arbeitet er in beeindruckender Weise heraus, unter welch menschenunwürdigen Bedingungen das tibetische Volk unter der grausamen Diktatur der "Gelbmützen" (Orden, dem der Dalai Lama angehört) bis zur Machtübernahme durch die Chinesen vegetierte. Die Mönchskaste dagegen lebte in Luxus. Aufrecht erhalten wird bis heute die absolute Unterwerfung der einfachen Menschen durch ein Glaubenssystem, das bei Ungehorsam gegenüber dem Klerus die fürchterlichsten Strafen im Jenseits androht.

Der Autor relativiert die von Exiltibetern erhobenen Vorwürfe gegen China als Lügenmärchen; ihr Ziel ist die Wiederherstellung der feudalistisch-religiösen Verhältnisse. Wenn der Dalai Lama als Beispiel für die kulturelle Zerstörung Tibets den Chinesischunterricht in den Schulen anführt, unterschlägt er, dass Chinesisch neben Englisch als Fremdsprache erst ab dem 4. Schuljahr gelehrt wird. Was er ebenfalls nicht erwähnt, ist der Verdienst Chinas der tibetischen Bevölkerung überhaupt ein Schulsystem geschaffen zu haben. Vor deren Machtübernahme waren lediglich 2 % der Tibeter alphabetisiert (heute besuchen 70% der Kinder eine Schule). Die Bildung war der Aristokratie vorbehalten. Außerdem verfälscht der Dalai Lama, dass er es ist, der die chinesischen Verhandlungsangebote nicht annimmt und eher an einer gewaltsamen Lösung des Konfliktes interessiert ist.

Trotzdem redet Goldner aber von "Gräueltaten" der Chinesen und von der chinesischen "Militärdiktatur", obwohl aus seinen Berichten eigentlich nichts eindeutiges dazu hervorgeht. Hierin besteht auch die einzige wirklich gravierende Schwäche des Buches. So genau sich der Autor mit den tibetischen Verhältnissen auseinandergesetzt hat, so wenig scheint er über die Lage in China zu wissen. Das ist auch eindeutig nicht sein Interesse. Berichte über Folterungen durch die Chinesen, von der Dalai-Lama-Clique verbreitet, fand er jedenfalls nicht belegt und bei genauer Untersuchung stellten sich die zu Propagandazwecken ständig beschworenen politischen Gefangenen als Kriminelle dar.

Das scheinbar friedliche Antlitz des Dalai Lama verändert sich mit zunehmender Lektüre des Buches zur Fratze eines machtbesessenen Tyrannen, der gelegentlich, Friedlichkeit hin oder her, mal auf Vögel schießt, das Schlagen von Kindern befürwortet, die atomare Bewaffung Indiens feiert, Verbrecher wie Nazis und den japanischen Aum-Sektenchef zu seinen besten Freunden zählt, der Zwecklügen über die Lage in Tibet verbreitet und vor allem aus den reichlich fließenden Spendengeldern gut lebt. Während er sich riesige Anlagen baut, leben Teile der Exiltibeter in großer Armut.

Interessant ist auch der Abschnitt, in dem Goldner das spezifisch deutsche Interesse an Tibet schildert. Besonders einige führende Nazis hatten sich sehr für Tibet begeistert und u. a. auch eine Expedition dorthin geschickt. Das alles erklärt aber nicht den immensen Einfluss den der Dalai Lama in letzter Zeit im Westen genießt und wieso er mit dem Nobelpreis bedacht wird. Hierfür kann es nur handfeste wirtschaftspolitische Gründe geben wie z. B. die beabsichtigte Destabilisierung Chinas; aber wie gesagt, das zu durchleuchten ist nicht das Anliegen des Autors.

Das Buch jedenfalls ist so interessant, kenntnisreich und gut lesbar geschrieben, dass es die Sympatisanten "Seiner Heiligkeit" - wie der Dalai Lama von seinen Anhängern und Anhängerinnen genannt wird - auf den Plan rief, die den Autor mit Morddrohungen bedachten. Genau das passt in das Bild, das der Autor von dem "Scheinheiligen" und seinen buddhistischen Fans vermittelt.

Brigitte Kabbeck

455 S., 40 Abb. Alibri-Verlag Aschaffenburg, 39 DM

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