Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging.
Im Sommer 1992, kaum zwei Jahre nach dem Anschluß der DDR an die Bundesrepublik, brannte in Rostock-Lichtenhagen eine geräumte Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein von 120 Vietnamesen bewohntes Wohnheim. Die Polizei sah tatenlos zu; die Feuerwehr wurde vom rechten Mob zunächst am Löschen gehindert. Mit den Vietnamesen waren neben einigen deutschen Betreuern und dem Ausländerbeauftragten der Stadt Rostock auch ein Kamerateam des ZDF im brennenden Haus. Ein Mitglied dieses Teams, Jochen Schmidt, hat jahrelang recherchiert und jetzt ein Buch über die Hintergründe dieser Brandstiftung geschrieben. Nach Lektüre dieses Buches wird klar, was man vorher schon geahnt hat: die Aktionen des aufgehetzten Mob waren kein Zufall, sondern von maßgeblichen CDU-Politikern angezettelt worden. Im Land sollte eine Stimmung erzeugt werden, in der drastische Einschränkungen des Asylrechts durchsetzbar waren. Der in dem Buch auf etwa 200 Seiten geschilderte Ablauf einschließlich vieler Aussagen von Beteiligten kann in dieser Besprechung nicht kurz zusammengefaßt werden, nur ein paar Stichpunkte dazu: Die sowohl für die Asylbewerber als auch für die Anwohner unzumutbaren Zustände rund um die Aufnahmestelle waren bewußt herbeigeführt worden. Bei Beginn der Belagerung der Häuser durch den rechten Mob trafen sich in Rostock hochrangige Politiker:
Bundesinnenminster Seiters, der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Seite, und sein Innenminister Magdanz (alle CDU). Zum Schutz der Häuser ausreichende Polizeikräfte wurden zurückgehalten. Am Höhepunkt der Randale waren zuständige Politiker und Polizeiführer nicht erreichbar. Kaum einer der Brandstifter und Gewalttäter wurde festgenommen. Bis zu einer Gerichtsverhandlung dauerte es zehn Jahre. Drei kurze Gefängnis- und drei Bewährungsstrafen - mehr kam bei dem Prozeß nicht raus.
Das politische Ziel wurde erreicht: nach dem Brand kam im Bundestag die für eine Verfassungsänderung notwendige 2/3-Mehrheit zustande, die SPD hatte dem Mob nach- und ihren Widerstand aufgegeben.
Das Buch hat einige Schwächen: Unnötige Wiederholungen, ein paar pflichtgemäße Seitenhiebe auf die verflossene DDR. Die Frage der Beteiligung von Verfassungsschutzagenten, die in rechten Gruppen bekanntlich stark vertreten sind, wird nicht gestellt.
Insgesamt ist es sehr lesenswert. In einem Land mit einer kritischen Öffentlichkeit müßte dieses Buch zu einem Riesenskandal führen - aber in einem solchen Land leben wir hier nicht.
Gernot Linhart